Zürich und Kabul in Berlin

Es ist gegen das Ende des Winters und heute ist mein Geburtstag. Die Stadt ist voll. Die internationale Ausstellung „Grüne Woche“ schiebt die verschiedenen Sprachen, Farben und Nationalitäten in Taxen. Die meisten Strecken sind zwar kurz, aber dafür gibt es viele Fremdfahrgäste. Es ist gegen Abend. Ich stehe vor dem Hotel Adlon, dem teuersten und luxuriösesten Hotel Europas. Man sagt, die Suiten kosten 2000 Euro für eine einzige Nacht.

 

Eine Frau und ein Mann kommen aus dem Hotel heraus. Sie laufen zu meinem Taxi, in Eile. Die Frau kommt aus dem Orient, entweder eine Iranerin oder eine Türkin: mittlere Größe, lange schwarze Haare, lang gezogene Augenbrauen und ein ungeschminktes Gesicht. Sie hat einen grauen Mantel an. Der Mann trägt das Übliche, Jacke und Hose, ohne Krawatte, und eine elegante Brille sitzt auf seiner Nase. Sie wirken verlegen. Sie übersehen das blasse, aufgesetzte Lächeln des schwarzen Portiers. Den Abstand zwischen der Hoteltür und dem Taxi durchqueren sie mit ein paar großen Schritten, als ob sie vor Wassermasse fliehen müssten und im Taxi eine Zuflucht suchen wollten. Die Frau macht die Hintertür auf und kommt herein. Der Mann bleibt zweifelnd für einen Moment vor der Autotür stehen. Ach so! Er ist ein Gentleman, der die Frau bis zur Taxitür begleitet. Ich sehe seine kurzen grauen Haare und das Weiße seines Unterhemdes unter seinem Hemd; erst dann, als er seinen Kopf ein bisschen ins Auto steckt. Die beiden Handflächen klopft er ein paar Male auf die Brust und besorgt sagt er:

 

-         Hast du mein Portemonnaie?

 

-         Nein. Ich habe mein Portemonnaie. Komm erst rein. Ich habe Geld.

 

Der Mann steigt sofort ein und sagt:

 

-         Dann habe ich es oben vergessen.

 

-         Ich habe schon Geld.

 

Und zu mir sagt sie weiter:

 

-         Mexikoplatz bitte.

 

Na, das ist was. Mindestens 25 Euro wird die Fahrt kosten. Vielleicht ein Geschenk der Götter zu meinem Geburtstag. Der Mann macht die Tür zu und ich fahre ab.

 

-         Möchten Sie über eine bestimmte Strecke fahren?

 

-         Nein, fahren Sie, wie Sie wollen.

 

-         Danke. Ich frage immer meine Fahrgäste, um ein eventuelles Missverständnis zu vermeiden.

 

Der Mann sagt:

 

-         Nein, nein. Wir gehören nicht zu den Menschen, die meckern.

 

Was für ein schweizerischer Akzent!! Die Frau spricht ein perfektes, akzentfreies Deutsch. Sie muss zu denen gehören, die hier geboren oder aufgewachsen sind.

 

Der Mann hat den Kopf an den Ohren der Frau und murmelt. Die Frau bewegt sich und lacht leise, wie eine Perserkatze.

 

Woher kommt sie bloß? Um sie von der Sorge zu befreien, dass ich ihnen zuhöre und um ihnen die Atmosphäre romantisch zu gestalten, schalte ich Radio Klassik ein. Volltreffer: Es werden die „Vier Jahreszeiten„ von Vivaldi gespielt.

 

Nein. Sie hören es nicht. Ich habe es so laut gestellt, dass es sogar mich stört. Ich stelle es wieder leise. Sie bekommen das Ganze gar nicht mit. Dann richte ich meine Augen auf die Straße und versinke in meine Gedanken und lasse sie außer Acht.

 

Als wir uns das Fahrtziel nähern, ruft mich der iranische Kollege an:

 

-         Wie geht es dir? Wo bist du? Wie lange willst du denn noch auf der Jagd bleiben? Willst du nicht was essen?

 

-         Doch. Ich habe schon Hunger. Meine Fahrgäste werden gleich am Mexikoplatz aussteigen, dann rufe ich dich zurück.

 

Die Frau sagt mir auf persisch:

 

-         Sind Sie Iraner?

 

-         Ja. Sie etwa auch?

 

-         Nein, ich bin Afghanin. Da steht mein Auto. Halten Sie bitte hier an.

 

Ich halte und schalte das Innenlicht ein. Der Mann macht es sofort wieder aus. Ich verstehe nicht warum. Man kann doch nicht im Dunkeln kassieren. Noch einmal küssen sie sich und verabschieden sich in Eile. Die Frau steigt aus und geht zu ihrem Auto. Der Mann sagt:

 

-         Jetzt fahren wir zurück ins Hotel.

 

Mein Gott! So viel Glück auf einmal! Kennt die Güte der Götter kein Ende? Die Fahrt wird mir jetzt 45 Euro bringen. Dann ist die Nacht gerettet.

 

-         Wollen wir warten, bis die Lady abgefahren ist?

 

-         Nein, nein. Fahren Sie bitte.

 

Ich fahre ab und beobachte ihn im Spiegel. Er macht sich auf seinem Platz breit und sieht Richtung Himmel. Er sieht ganz zufrieden aus, äußerlich und innerlich befriedigt. Etwa zehn Minuten fahren wir in Ruhe. Dann sagt er plötzlich:

 

-         Sie müssen mich entschuldigen, dass ich das Licht ausgeschaltet habe.

 

Ich verstehe nicht, was er meint. Licht? Von welchem Licht redet er überhaupt? Ich lächele verwirrt:

 

-         Das macht nichts.

 

-         Ich war noch nie so durcheinander. Ich habe mein Portmonee und mein Handy im Hotel liegen lassen.

 

-         Darf ich fragen, warum?

 

-         Hm, wo ich meinen Kopf habe, fragen Sie? Ich weiß nicht, überall und nirgendwo.

 

-         Sind Sie etwa verliebt oder so?

 

-         Hm! Wenn Sie von uns beiden wüssten!

 

-         Erzählen Sie es doch mal, wenn es Ihnen nichts ausmacht oder nicht unangenehm ist. Ich bin Schriftsteller. Heute habe ich Geburtstag.

 

-         Ach! Herzlichen Glückwunsch.

 

-         Danke. Schenken Sie mir bitte Ihre Geschichte als Geburtstagsgeschenk! Vielleicht könnte ich darüber schreiben.

 

-         Sie kennen bestimmt Günter Grass. Er ist ein Familienfreund von mir. Er wollte unsere Geschichte aufschreiben. Ich habe es ihm verboten.

 

Nein, er meint genau das Gegenteil. Er will doch reden. Man sagt, nicht nur die Priester, sondern auch Taxifahrer und Barfrauen und Barmänner sind Beichtväter.

 

-         Also, gut. Mein Geburtstagsgeschenk für Sie. Wir haben uns in einer Malereiausstellung in Zehlendorf kennen gelernt. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

-         Oh! Wie interessant. Und Sie? Sind Sie auch verheiratet?

 

-         Ja, ich habe auch zwei Kinder.

 

-         Wie lange kennen Sie sich schon? Wenn ich fragen darf.

 

-         Seit zwei Jahren.

 

-         Zwei Jahre schon? Wie könnten Sie das alles Ihrer Familie verheimlichen?

 

-         Wir haben es nicht so lange verheimlichen müssen. Inzwischen wissen es die beiden Familien.

 

-         Nein! Und was sagt Ihre Frau dazu? Oder ihr Mann?

 

-         Meine Frau will wohl die Scheidung.

 

-         Und ihr Mann?

 

-         Ihre ganze Familie weiß davon. Sie und ihr Mann leben seit Jahren wie Geschwister miteinander. Meine Kinder schreiben ihr E-Mails. Ich wohne in Zürich. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich nach Berlin komme, um bei ihr zu sein. Einmal in der Woche fliege ich morgens hierher. Während ich auf sie warte, ruhe ich mich für ein paar Stunden im Hotel aus. Sie kommt gegen Mittag. Für acht Stunden schließen wir uns von der Außenwelt ab. Sex ist nicht alles, aber Sex mit einem Menschen, den man liebt, schafft Energie.

 

-         Ja, Sie haben Recht. Aber erlauben Sie mir Ihnen etwas zu sagen. Ich bin Iraner und bei uns im Orient gibt es etwas, das nicht übersetzbar ist. Man könnte es Familienehre nennen. Ihre Beziehung könnte, aus diesem Zusammenhang heraus, ein blutiges Ende nehmen. Sie sollten schön vorsichtig sein.   

 

-         Vielen Dank. Aber nein, machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Ihre Eltern leben seit Jahren hier. Sie ist hier geboren. Ich sagte schon, ihr Mann weiß von unserer Beziehung. Er ist ein Taugenichts. Er arbeitet in einem Schuhladen. Die Frau hat mich fest in ihren Händen. Wissen Sie, was sie heute mit mir gemacht hat? Sie schleppte mich in den Laden, wo ihr Mann arbeitet und stellen Sie sich vor, sie hat mich gezwungen, in Anwesenheit ihres Mannes, mir ein Paar Schuhe zu kaufen.

 

-         Nein! Echt?

 

-         Ja! Glauben Sie mir!

 

Er lacht zufrieden.

 

-         Wir haben uns zwei Webcams gekauft. Warum machen wir das alles? Sind wir denn verrückt geworden?

 

-         Nein! Sie sind nicht verrückt geworden, Sie sind verliebt, mein Herr, verliebt. Ich freue mich für Sie.

 

-         Danke.

 

 

 

Wir kommen an. Auf dem Taxameter steht zweiundvierzig Euro und noch was. Er drückt mir einen Fünfzigeuroschein in die Hand und sagt:

 

-         Ich lege nicht viel Wert auf das Geld und überhaupt auf das Materielle. Sie sagt mir immer wieder, ich sei ein Verschwender. Sie erzieht mich und ist überall bei mir. Früher hätte ich gesagt „stimmt so“. 

 

Mit einer Fingerspitze klopft er an sein Herz und fährt fort:

 

•  Aber sie ist immer hier bei mir. Machen Sie fünfundvierzig.

 

Ich danke ihm lächelnd und gebe ihm sein Restgeld.

 

-         Ich verstehe Sie. Ich hoffe, Sie bleiben für immer so verliebt.

 

-         Ich danke auch. Sie ebenso.

 

Als er aussteigt, zieht er den Jackenkragen hoch. Der Portier empfängt ihn mit einem Regenschirm. Ich höre ihn sagen:

 

-         Danke. Ich möchte im Regen spazieren gehen.