zwei Briefe und ein Dialog

Der erste Brief
Hallo meine liebe Parwaneh,

heute ist Freitagabend, das heißt Freitagnacht. Ich meine, morgen ist Samstag und wir sind in einer Nacht, deren Tag Samstag ist, während dessen ich dir diesen Brief schreibe. Du weißt doch, wie gern ich Briefe schreibe. Ich sagte mir, warum soll ich eigentlich meiner Frau nicht einen Brief schreiben. Ich habe dann gerechnet und habe festgestellt, dass bis deine Rückkehr noch soviel Zeit noch da sein wird, bis Du diesen Brief be­kommst. Es geht es uns zwei gut. Obwohl Kamran dich vermisst, aber er hat sein Vergnügen. Er nutzt meine Unfähigkeit zu kochen aus und zieht mich in verschiedenen Restaurants. Stell dir vor, vor ein paar Nächte schleppte er mich in ein Restaurant, wo man äthiopisches Essen verkauft. Er ist beschäftigt. Heute Nacht gingen wir zusammen ins Kino. Danach ging er mit seinen Freunden in die Diskothek und ich kam nach Hause zurück. Ich hatte nichts zu tun und ich vermisste dich. Dann habe ich mir eine Flasche Bier aufgemacht, aus dem Kamrans Zimmer Papier und Kugelschreiber ge­holt, habe mich auf dem Boden im Wohnzimmer, hinter dem Wohnzim­mertisch gesessen und angefangen dir einen Brief zu schreiben. Wie geht es dir? Geht es dir gut, ohne uns? (Kleiner Scherz, nicht sauer wer­den. Ich weiß, egal wo Du in der Welt auch immer bist, denkst Du an uns beiden. ) So, was soll ich dir noch schreiben? Mir geht es auch gut. Wie immer es läuft irgendwie. Tagsüber arbeiten, nachts zu Hause fernse­hen, bis zum Einschlafen. Abgesehen davon nimmt mir Putzen, Wäschewaschen, Bettezüge wechseln und Einkaufen viel Zeit weg. Plus hatte eine Mikrowelle im Angebot, günstiger Preis, im Test hatte sie gut. Ich wollte sie kaufen, dachte ich aber, ich kann warten bis Du zurüc­kkommst. Denkst Du überhaupt an mich? In manchen Nächten, wo ich nicht einschlafen kann, gucke ich deinen leeren Platz im Bett. Dann vermisse ich dich sehr. Ich erinnere mich, dass ich an manche Nächte dich von hinten umarme, bis es dir warm wird. Dann drehst Du dich zu mir…Nicht dass Du dich.…Wir müssen gezwungene weise warten, bis Du zurüc­kkommst. Den anderen Rest geht es auch gut. Die haben schöne Grüße für dich. Vor ein paar Tagen habe ich Ali angerufen. Er wusste nicht, dass Du nach Iran gereist bist. Er sagte, wenn Parwaneh anruft, bestelle ihr schöne Grüße von mir und sag, dass sie die Reiseandenken nicht vergisst. Ich sagte, das werde ich Parwaneh bestimmt sagen. Wenn Du Zeit findest, kauf für ihn irgendetwas. Ein Bild oder so. Er ist kein schlechter Junge. Einerseits sagt er, er will eine Ausstellung machen, andererseits sagt er, er möchte für eine Woche nach Italien, und das mit Bus. Lassen wir es. Rauchst Du immer noch so viele Zigaretten?

Ich habe nichts mehr, was ich dir schreiben könnte. Dann Tschüß und auf Wiedersehen.

 

Ein Gespräch

-         Hallo?

-         Hallo.

-         Hallo.

-         Hallo. Ich bin es, Parwaneh.

-         Hallo Parwaneh, wie geht es? Wo bist Du? Geht es dir gut?

-         Es geht mir gut. Danke. Wie geht es Kamran? Wie geht es dir?

-         Kamran geht es auch gut. Hast Du meinen Brief bekommen?

-         Ja, ja. Danke sehr. Was gibt es neues?

-         Ach nichts. Und bei dir?

-         Ja. Hm. Ist Kamran zu Hause?

-         Nein, er ist Sport machen gegangen.

-         Ach ja, richtig. Heute ist Mittwoch. Also gut. Schöne Grüße von mir. Sag Kamran, dass ich am Sonntag wiederanrufen werde.

-         O.k. Willst Du hier was?

-         Nein. Tschüß.

-         Tschüß.

 

Der zweite Brief

 

Hallo, Du der Liebling meines verliebten Herzens,

Ich schreibe dir, um mit dir mehr als ein Telefongespräch reden zu können. Geht es dir gut? Vermisst Du mich? Ich bin dabei verrückt zu werden. Seit dem einen Jahr, wo ich verrückt nach dir geworden bin, kann ich das Fernbleiben von dir nicht aushalten. Als ich da war, sah ich dich jeden Tag, obschon ich dich nicht jeden Tag küssen konnte. Ich vermisse dich so sehr. Verstehst Du das? Ich liebe dich über alles. Ich weiß, ich weiß. Während es dir unheimlich gefällt, dass ich dir eine Liebeserklärung ma­che, runzelst Du die Stirn und sagt wie immer: „ Wenn Du mich so sehr liebst, warum trennst Du dich nicht, um mit mir zusammenzuleben?“ Mein lieber Ali, ich habe es dir mehrere Male gesagt und sage ich es noch mal und werde es nicht müde: Es geht nicht, mein lieber, es geht nicht. Kamran braucht noch einen Vater. Andererseits ich kann nicht einen Mann, mit dem ich 20 Jahre lange lebe, einfach verlassen. Die andert­halb Jahre, in denen ich mich von ihm getrennt hatte, haben ihn total rui­niert. Übrigens er ist gar nicht ein schlechter Mann. Wie soll ich sagen? Er ist ein guter Mann, aber ich liebe ihn nicht. Oder ich liebe ihn nicht mehr. Er ist ruhig und brav. Er ist gezäumt. Er ist doch nicht wie Du, wi­derspenstig, wild, frei und doch bequem.

Ich habe es dir tausendmal gesagt: Ich habe zwei Söhne, Kamran und seinen Vater. Ich muss immer noch aufpassen, dass wenn er Tee trink, sich nicht eine Flecke holt. Ich bin für ihn viel mehr eine Mutter, als eine Frau. Du willst nur eine Frau, Du willst die Weiblichkeit spüren, mit einer Frau zusammen sein. Allein die paar Stunden in der Woche, die ich mit dir verbringe, erinnert mich daran, dass ich eine Frau bin. Aber wenn ich zu Kamran und seinem Vater zurückgehe, werde ich wieder eine Mutter. Ich will nicht nur eine Mutter sein, ich will auch eine Frau sein.

Weißt Du noch? Es war letztes Jahr um die Zeit rum herum, als ich mei­nen alten Sohn satt hatte, hatte ich mich von ihm getrennt. Morgens, wenn ich zur Arbeit ging, sahen wir uns an der Bushaltestelle. Bis ich das Krankenhaus ankam, dauerte zehn, zwölf Minuten. Manchmal, wenn ich Nachtdienst hatte, hattest Du mich abgeholt. Es waren schon zwei Wochen, dass ich allein wohnte. Eines Morgens sagtest Du mir, ich soll zum Abendessen zu dir kommen. Abends hatte ich meine Unterwäsche in deiner Waschmaschine waschen wollen. Als ich dir sagte, dass bei mir das Warmwasser noch nicht läuft, bist Du sofort aufgestanden, hast mir ein sauberes Handtuch geholt und gesagt: „Das erste Gebot lautet: Zu erst Sauberkeit, dann Vergenügen.“ Ich sah schon, als ich mich wusch, hattest Du die Badezimmertür aufgemacht und mich Durch die Matt­scheibe beobachtet. Ich wünschte, Du wärest hereingekommen, hättest dich entblößt und zu mir unter die Dusche gekommen. Es war in derselben Nacht, als die Wärme des Wassers noch auf meiner Haut war, habe ich die Meeresfrüchte, die ich so hasste, zum ersten Mal gekostet. Wie gut es schmeckt und was für ein guter Rausch der Sekt verursacht, wenn ich mit dir zusammen bin. Als ich dann sagte, dass ich gehen soll, hatte ich er­wartet, dass Du sagen würdest: „Schlaf doch hier!“ Aber Du, mein listiger Leopard, sagtest: „Warte, ich begleite dich bis zu deiner Haustür.“ Du hast erst dann mir angeboten bei Dir zu übernachten, als ich sagte, dass ich vergessen habe, die Heizung aufzudrehen. Erst dann hast Du gesagt: „Du kannst hier schlafen, wenn du willst.“ Wenn du willst! All das hat mich dazu geführt, dass ich mich in Dich verliebte, die Ernsthaftigkeit und die Männlichkeit, die Du hast. Wir sagten uns Gute Nacht, aber das Verlangen verbrannte uns, das Verlangen nach dem Fleisch des Anderen. Schließlich musste ich den Waffen einsetzen, der, du den angenehmen, weiblichen Waffe nennst. Ich weiß, du, der listiger, hattest nicht geglaubt, ich hätte einen Albtraum. Meine Haare wurden weiß, bis ich Dich umarmte, die Lippen küsste und einen Körper streichelte, der total fremd, neu und anziehend ist. Ausgerechnet diese paar weißen Haare haben Dich verführt. Seitdem Kamrans Vater diesen weißen Haare auf meinem Kopf gesehen hat, ruf er mich nicht mehr «Parwaneh», sondern «alte Frau» . Der armer. Da sr selbst alt geworden ist, glaubt er, ich sei auch alt geworden.

Weißt du noch, wie oft ich, vor meiner Trennung, mich vor Dir beugte, damit du meine Brüste siehst? Du tatest so, als ob du blind wärst. Oder sahst du doch hin? Weißt Du noch, als wir auf dem Balkon saßen und Backgammon spielten und Bier tranken, wie ich mich für Dich schön gemacht hatte, welche kurze und dünne Rock ich anhatte? Ich wünschte, ich könnte meine Fußfinger unter dem Tisch zwischen Deinen Schenkel bringen könnte. Aber ich war damals nicht so sehr in dich verliebt.

Du saugst meine Brüste so, wie ein Baby, das die Milch aus den Brüsten seiner Mutter, und er, wie ein Lahm, das die Milch aus den Brüsten einer Schaf. Ehrlich gesagt, er ist kein schlechter Bettgenosse. Er führt alle meine Befehle durch, und wenn er sich traut, etwas von mir zu verlangen, dann bettelt er. Du fragst nicht. Du willst, dann nimmst du es dir. Ich wünschte, du wüsstest, wie ich es gern habe, wenn du deinen Körper auf meinen presst. Dann brennt mein ganzer Körper. Wenn ich leidenschaftlich deine Brustkorb küsse, dann schiebst du mich zwischen deinen Beinen. Mit deinen Fingerspitzen setzt du meine Haut in Flammen. Dann gleitest du zwischen meinen Beinen, um deine Lippen zu beruhigen, die von Küssen auf meinem heißen Körper brennen mit der klebrigen Flüssigkeit, frisch wie Milch, die aus, wie du es nennst, der dichten, schönen Wald mit einem Höhle in der Mitte ausströmen. Damit die Leidenschaft und der Durst mich nicht bewusstlos machen, kommst Du mit einem Löffel Honig und einem Schluck Wein, beide nackt, unter der Kerzenlicht, in ein warmes, geschlossenes Zimmer, fern von jeglichen Blicken der Bekannten und der Unbekannten. Siehst Du, wie schnell und literarisch ich schreibe? Trete ich auch ins, wie Du es schön sagst, Tal der Kunst? Wie wäre es, wenn ich die Krankenschwester aufgebe und eine Schriftstellerin werde? Nein, meine Liebe, ich will nicht nach zwanzig Jahren meine Familie sagen hören: «Siehst du? Wir haben es gewusst, dass er nicht dein Mann ist. » Ich will ihnen nicht sagen müssen, dass ich einen Fehler gemacht habe, einen großen, gründlichen, nicht mehr wiedergutmachbaren Fehler: Ich habe viel zu früh geheiratet. Und das mit einem Jungen, der vor lauter sexuellem Bedürfnis dabei war, verrückt zu werden. Heute hat dieses Bedürfnis sich in Gewöhntheit oder Pflicht verwandelt, oder was weiß ich, in eine Tat, die sein Können beweisen sollte. Trotz allem kann ich mich von ihm nicht trennen, kann ich nicht.

Ich bitte Dich, schreib mir, auch wenn es nur ein paar Zeilen sind. Aber keine Postkarte bitte. Von einem frechen Mann wie Dir kann man schon erwarten, dass er ein Aktbild mir zukommen lässt.

Es sind 24 Tage, dass wir uns nicht gesehen haben. Wir haben nur einander gehört; 24 Tage lang. Arbeitest du? Malst du? Hast du das Bild « die Genussstrudel», die Erinnerung unseres letzten Liebemachens  zu Ende gemalt? Wie sieht es mit deiner Ausstellung aus? Du musst unbedingt warten, bis ich komme. Ich will bei Eröffnung dabei sein, mit einem kleinen Abstand von Dir, aber voll und ganz bei Dir. Keiner kann das, was Du auf de